Ein Hoch auf das freie Spiel!

Ich neige dazu, mit den Kindern viel zu unternehmen. Die Rubrik Ausflüge in diesem Blog ist der Beweis dafür. Manchmal erinnert mich Jonas jedoch daran, dass er einfach nur zu Hause spielen möchte.

Letzte Woche waren wir dann in unserem "Bärgji" Ze Gartu in den Ferien. (Mein Vater renoviert dort zusammen mit seiner Schwester ein altes Saaserhaus. Es ist ein Traum). Die Kinder haben sich dort einfach selbst beschäftigt. Draussen, drinnen, bei Sonnenschein und Regen. Ich war fasziniert.

Es braucht manchmal so wenig (Programm und/oder Spielsachen). Deshalb hier  ein paar Gedanken zum freien Spiel und Argumente, weshalb ich Jonas' Wunsch öfters beherzigen sollte:

"Das freie Spiel ist nicht nur Zeitvertreib, sondern Entwicklungschance. Kinder entwickeln dabei alle Sinne, ihre Muskeln und die Motorik. Ausserdem werden soziale Kontakte gefördert, sowie die Sprache. Weiter lernen sie gewinnen und verlieren, oder wie es ist, zu führen und geführt zu werden. Auch Konflikte auszutragen, lässt sich dabei üben. Genauso wie zu spüren, was ein schöner oder blöder Moment ist." So beschreibt dies die Spielpädagogin Susanne Stöcklin-Meier im Interview mit der Zeitschrift wireltern.

Mit freiem Spielen meine ich übrigens echt freies Spielen. D.h. die Kinder wählen und gestalten ihr Spiel selber. Drinnen oder Draussen. Sei dies mit Lego bauen, Koffer packen, Hotel spielen. Manchmal spiele ich mit, bin die Touristin, die eincheckt. Ich setze mich jedoch nicht immer zu den Kindern auf den Boden, sondern lasse sie oft auch machen. Ich habe das Glück, dass unsere Kinder meistens gut miteinander auskommen, Ideen entwickeln und Konflikte heftig aber relativ rasch beendet sind. (Darauf hat mich mein Patenkind Martina hingewiesen, als sie zu Besuch war - eine willkommene Aussensicht. Wir Eltern neigen ja dazu, zu rasch in Konflikte einzugreifen). Rollenspiele sind gerade hoch im Kurs, ebenso basteln mit dem Nachbarskind und draussen sein mit den Cousinen. Ich mache derweil den Haushalt (ohne Gewissensbisse), lese ein Buch (auch ohne Gewissensbisse) oder checke die Socialmedia-Apps auf meinem Handy (mit Gewissensbissen, s. unten).

Susanne Stöcklin-Meier plädiert übrigens dafür, Kinder beim Spielen nicht zu stören: "Die Kleinen spielen ja oft gerade dann am schönsten, wenn das Essen auf dem Tisch steht oder sie ins Bett gehen sollen. In diesen Fällen muss man halt unterbrechen. Doch wenn es einigermassen passt: Unbedingt weiter spielen lassen! Denn ein Kind, das konzentriert spielen kann, vermag später auch in der Schule konzentriert zu lernen."

Was aber hindert uns(ere Kinder) eigentlich am freien Spiel? Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm nennt in einem Interview mit der Elternzeitschrift Fritz+Fränzi insbesondere drei Punkte, die mich allesamt auch betreffen:

  1. Zeit: Da das Wochenprogramm der Kinder enorm getaktet wird, bleibt wenig Zeit, um zu spielen oder sich einfach mal zu langweilen. Aber Langeweile ist etwas, das man wiederentdecken müsste. Dies bestätigt auch Spielpädagogin Stöcklin-Meier: Wenn die Kinder jammern "Ich weiss nicht, was ich spielen soll", sollten die Eltern nicht gleich mit einem Angebot kommen, sondern ihnen vielmehr Zeit geben, sich selbst zu arrangieren. Denn Langeweile ist gut. Es braucht diese manchmal, um auf Ideen zu kommen.
  2. Überbehütung: Das freie Spiel ist mit vielen Ängsten besetzt. Bewegt sich das Kind draussen, befürchten viele Eltern, dass es sich an gefährlichen Orten verletzen könnte. Oder auch dreckig wird. Stamm beschreibt dies so: «Ein Kind, das leidet, erträgt man als Eltern fast nicht. Und wenn ein Kind vom Baum fällt, hat das Folgen für die Umwelt. Die sagt dann nämlich: Aber wo war denn die Mutter oder der Vater? Trotzdem: Überbehütung und Angst geben dem Kind die Botschaft mit: Das Leben ist gefährlich. Kinder lernen so auch nicht, sich in risikoreichen Situationen zu bewähren.»
  3. Gewissensbisse: Wenn Eltern ihre Kinder einfach machen lassen, steigen Gewissensbisse auf: ich bin eine Faulenzerin, jetzt einfach auf der Couch zu liegen und meine Kinder ihrem Schicksal zu überlassen. Zur elterlichen Handynutzung hat Markus Tschannen einen lesenswerten Beitrag geschrieben: Der Handy-im-Gesicht-Vater.

Punkt 3 habe ich auch auf dem Bärgji erlebt: Ich habe auf dem Bänklein ein Buch gelesen, die Kinder haben friedlich gespielt. Nach einer Weile kippt die Stimmung, die Kinder werden quengelig. Ich habe diese jedoch ausgehalten und das Kapitel beendet. Das freie Spiel der Kinder gibt nämlich auch uns Eltern die Gelegenheit, eine gewisse Zeit frei zu gestalten und zu tun oder zu lassen, was wir wollen. Deshalb: ein Hoch auf das freie Spiel!